klangstaetten | stadtklaenge: Konsumverein

Eine Braunschweiger Sage erzählt, dass dem Ritter Balduin von Campen dort unter einem kreuzförmig gewachsenen Baum der Engel Gottes erschienen sei und er daraufhin Frieden mit den Braunschweiger Bürgern schloss. Als der Baum später von Köhlern gefällt und verfeuert wurde, sei der Baum aus den Flammen gesprungen und am alten Platz weiter.gewachsen

Der Friedhof von St. Crucis ist der älteste Friedhof Braunschweigs.

Der Friedhof war Teil des Kreuzklosters, das ab 1230 ein wohlhabendes Benediktinerinnenkloster mit Ländereien und wirtschaftlicher Produktion war. Das einzige Frauenkonvents der Stadt wurde außerhalb des Umflutgrabens auf dem Rennelberg errichtet, Seine mehrfach umgebaute Kirche wurde wie die gesamte Klosteranlage 1944 durch Bombenangriffe zerstört. Das Gelände wurde überbaut, nur die Namen und der Friedhof zwischen Freisestraße und Rennelbergstraße sprechen von alten Zeiten. Für die Öffentlichkeit ist der Kreuzfriedhof normalerweise gesperrt. Im Besitz der Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz bildet er einen Teil des Geländes des Maria-Stehmann-Hauses. Die Bewohner_innen nutzen den angrenzenden Garten und das Friedhofsgelände im Alltag; Wäsche hängt an einem Wäscheständer, im Schuppen befinden sich Gartengerätschaften. Ein architektonischer Einbau war als Hundehütte konzipiert und zeugt von Gärtners Hund aus vergangenen Zeiten. An diese erinnern auch die vereinzelten Grabsteine.

Heute zeichnet sich das Friedhofsgelände durch eine relativ kleine Grundfläche von circa 50 x 50 Meter aus. Hier ragen die bis zu 300 Jahre alten Bäume in den Himmel und geben dem nicht renovierten Friedhof den Charakter einer Insel - Insel der Seligen oder der Sirenen oder einfach ein verwunschener Ort? Die Dimensionen der 'kleinen' Grundfläche scheinen der enormen Höhe des Baumbestandes zu entsprechen und bilden eine Art imaginären Kubus, einen Raum, der den Blick vom Boden in die Höhe richtet und umgekehrt.

Kristof Georgen befasst sich seit den 1990er Jahren mit Klang im Kontext öffentlicher Räume. Er geht unseren kulturellen Prägungen und Praktiken mittels Bild, Klang und Sprache auf den Grund. Den Ausgangspunkt seiner auditiven Installationen bilden dokumentarische Aufzeichnungen der alltäglichen Lautsphäre als Umwelt- und „vor Ort“ - Geräusche. Er konstruiert Hörräume und Situationen, die sich auf den jeweiligen Ort beziehen und unsere komplexe Schallwirklichkeit reflektieren: Mit Klang entsteht Raum. Ausgehend von alltäglichen Geräuschen und natürlichen „Tonstoffen“ entwickelt der Künstler thematische und ortsspezifische akustische Skulpturen und Hörräume, die die komplexe Schallwirklichkeit unseres Alltags reflektieren.

Für die Arbeit singen 49.03º / 8.24º (2003) beispielsweise hat Kristof Georgen gesungene und instrumentale Volksmusik in der Karlsruher Bevölkerung gesammelt, zu einer mehrstündigen Soundarbeit zusammengefügt und diese über einen Zeitraum von drei Jahren von einem Lautsprechermast in den öffentlichen Raum der Stadt Karlsruhe eingespielt. Ähnlich ortsspezifisch angelegt war die 6-Kanal Audioarbeit sprechen (2002), die sich auf die Geschichte des Württembergischen Kunstvereins bezog. Grundlage bildeten Kommentare über das Ausstellungswesen des Kunstvereins aus Radiosendungen und TV-Reportagen, die vom Künstler manipuliert und zu einer akustischen Schleife montiert wurden. Es entstand ein Wechselspiel von realen Geräuschen und eingespieltem Material, das auch in darauffolgenden Arbeiten die Grenze zwischen Gegenwart und archivierter Vergangenheit, sowie die Grenzen unterschiedlicher Realitätsebenen aufspürte. Welche Geräusche wir in unseren eigenen vier Wänden bewusst oder unbewusst produzieren, thematisierte dagegen die im Jahr 2006 entstandene Arbeit Nr. 26 – ein akustisches Porträt der häuslichen Klangsphäre des Künstlers. In der Sound-Installation allein (2007) für die Triennale Fellbach entstand auf eindringliche Weise innerhalb einer Rotunde der kreisende Eindruck einer akustischen Körper- und Selbstwahrnehmung, indem Lauf- und Körpergeräusche von Joggern eingespielt wurden und zu einer eindrucksvollen Klangpartitur verarbeitet waren.

Für die Donaueschinger Musiktage 2007 entwickelte Kristof Georgen zwei ortsspezifische Arbeiten, Leerstand für die ehemalige Großküche der Donauhallen und Passage für den öffentlichen Raum. Hier entstand die komplette Simulation einer Baustellenarchitektur, die in ihren architektonischen Grenzen zugleich einen akustischen „Klangkörper“ innerhalb des städtischen Raumes darstellte.

Seit 2009 entstanden weitere Soundarbeiten wie der Klang der Wirklichkeit in Wolfsburg und Sharjah sowie Rauschpegel (2011) und Pythagoras (2011), die den Grundfragen des „Hörens“, ihren Möglichkeiten und Manipulationen sowie der eigenen situativen Wahrnehmung vor Ort nachgehen.

Seit vielen Jahren entwickelt Kristof Georgen aus den Erfahrungen seiner Installationen mehrkanalige Videoarbeiten und inszeniert im Zusammenhang von Raum, Bewegung, Gesang und Sprache auch beim Taschenopernfestival Salzburg.

Kristof Georgen ist im Schwarzwald geboren. Zunächst als Musiker tätig, studierte er nach Gastsemestern in Malerei und Film, nach einigen Semestern Kunstgeschichte und Philosophie, nach einer Steinmetzlehre, Bildhauerei an der Akademie der Bildenden Künste Stuttgart. Seit Ende der 1990er Jahre hat Kristof Georgen seine ästhetische Reflektion und Gestaltung um zeitbasiertes Material, d.h. Sound und Video erweitert und entwickelt meist ortsspezifisch raumgreifende multimediale Installationen. Er lebt und arbeitet in Stuttgart und Ravensburg.

2017, 5-Kanal-Audio-Installation, Stimme / Gesang: Daniel Gloger (Countertenor) Mehrkanal-Audiosystem, 5 Lautsprecher, Holzgestelle, Tongefäße, architektonische Holzform einer Behausung; Dokumentarische Samples sowie Zitate aus James Joyce 'Ulysses' (11. Kapitel / Sirenen), Ovid 'Metamorphosen' (Dialog Narziss mit Echo), Sprachkurs Deutsch-Italienisch und der Dt. Buchstabiertabelle.

Durch die Stille der Luft eine Stimme sang, ihnen leise zu, nicht Regen, nicht murmelnde Blätter, wie keine Stimme von Saiten-, Rohrblattinstrument, von achwiehießdasdochzugleich von Hackbrett, Musik ist überall. Nein, das ist Krach, Geräusch. Elend. Die Bauern draußen. Grüne verhungernde Gesichter, essen Ampferblätter. Hübsch ist das. Mein Ohr an der Wand, (aus: James Joyce, Ulysses, Kapitel 11)

Ein Haus hängt oben an einem Baum im Friedhofsgelände, es ist ein Miniaturhaus, eine Art Unterschlupf verstanden als individuelle Behausung. Diese ist "Sitz der Stimme". Von hier aus klingt sie auf- und ab changierend zwischen Imagination und realer Welt. Die (Sing-) Stimme (Countertenor Daniel Gloger) bewegt sich zwischen Stimmhaftem und Klanglichem, unverständlichen und verständlichen Wortfragmenten und Lauten. Sie ist tonal weiblichen und männlichen Tonlagen zugeordnet. Auf dem Boden des Friedhofsareals sind Alltagsgefäße mit handwerklichen, körperlichen Spuren – man denkt an antike Fragmente - positioniert. Die Gefäße sind geneigt und befinden sich "im Zustand einer Entleerung". Es sind Töne zu hören: neben der Weiterführung der Stimme, Klänge, Laute und das Grundrauschen, einen dokumentarischen Dauerklang vom Ort (Kreuzfriedhof).

Wie andere Friedhöfe auch verbindet der Kreuzfriedhof heute Alltag, Öffentlichkeit und Totenkultur. Insbesondere besteht dabei ein Spannungsfeld von Realität und Imagination, auf das die ortsbezogene Arbeit Mein Ohr an der Wand Bezug nimmt. Der Friedhof ist als imaginärer Raum verklungener, individueller Stimmen – eine Art kakophonisch, vielleicht auch dialogisch klingender Marktplatz voll Vergangenheit und Gegenwart vorstellbar. Der charmante, verwunschene Charakter des St. Crucis Friedhofs assoziiert diesen „Inselcharakter mit Bewohnern“. Wir sind erinnert an ‚Atlantis‘, die ‚Insel der Seligen‘, das Paradies und den natürlichen Garten – die „Natur“. Bestimmend ist aber das Sirenen-Thema (Homer ‚Odysseus‘, James Joyce ‚Ulysses‘, Kapitel 11), da der inselartige, naturbestimmte, zugleich alltägliche Ort charakteristisch Tod und Leben wie auch Identität und Schicksal zu verbinden scheint. Das Urthema der ‚Sirenen‘ ist die Musik, die Individualität und Ausdruckskraft der Stimme. „Odysseus an der Insel der Sirenen vor-bei. Dort lebten Nymphen, halb Vogel, halb Mensch, die mit ihrem Gesang jeden Vorbeifahrenden verzauberten. Wer sich ein-mal durch den lieblichen Gesang zu ihnen herüberlocken ließ, der war verloren und musste sterben …“

Wir danken dem Maria-Stehmann-Haus und dem Amt für Grünflächen und Friedhöfe für ihre Unterstützung.

Klang | Kunst | Schule

Termine

Führungen

Für klangstaetten | stadtklaenge 2017 erweitert sich seit einem Jahr kontinuierlich das schon erprobte und vielfältige Vermittlungsangebot des Allgemeinen Konsumvereins an alle Interessierte, an Schulklassen, Lehrkräfte und Vermittler_innen durch Angebote von Workshops, Schulungen, Vorträge und speziellen Führungen.

Klang | Kunst | Schule erfährt eine besondere Intensität:
„Es gibt immer etwas zu hören!“ - „Ich liebe es, wenn es raschelt!“ Wenn junge Lernende ihr Gehör bewusst nutzen und sich intensiv mit Klang beschäftigen, eröffnet sich ihnen eine neue Welt. Sie werden zu aktiven Zuhörern, Sammlerinnen, Archivaren und Erfinderinnen. Klang und Geräusche befähigen sie zum Perspektivwechsel vom Weg- und Überhören zum bewussten Hin-Hören, zum Anders-Hören-Lernen. Dieses Neu-Hören erbringt ein neues Gefühl von sich in der Welt, von sich genau an diesem Ort:
Den Klassenraum als Klangraum begreifen, den Klang der Schritte der Anderen kennen, die eigenen Geräusche merken, die Orte durch ihre Geräusche bestimmen, Atmosphären wahrnehmen und Hörerfahrungen als angenehm, betörend oder Nerv-tötend beschreiben, Materialien auf ihre Klangqualität prüfen – kurz: zu beginnen, mit den Ohren zu denken.

Die Kooperation mit der Realschule Sidonienstraße

An der Grundschule St. Joseph:

Klang Kunst Führungen für Schulklassen

Workshop mit Kurator_in und Klangkünstler_innen: 24.09.2017 |
15.00 Uhr
kostenfrei | Anmeldung erforderlich | 0176 – 80142728

Kunst-Schreiben – Workshop mit Jaqueline Krone: 27.09.2017 | 17.00 Uhr
kostenfrei | Anmeldung erforderlich
unter vermittlung@konsumverein.de oder telefonisch unter: 0176 – 80142728

Blitzausstellung klang | kunst | schule: 28.09.2017 | 16.00 Uhr
Klangobjekte, Prozesse, gesammelte Klänge aus dem Schulprojekt Realschule Sidonienstraße
Finissage  am 08.10.2017 | 11.30 Uhr auf dem Kreuz-Friedhof, Freisestraße mit dem Countertenor Daniel Gloger.
Wie kaum ein anderer inspiriert Daniel Gloger Komponist_innen und Bildende Künstler_innen zur Auseinandersetzung mit der Stimme.

Öffentliche Sonntagsführung 
10.09. | 17.09. | 24.09. | 01.10. | 08.10.2017
jeweils um 11.00 Uhr ab Allgemeiner Konsumverein circa 2 Stunden | kostenfrei | ohne Anmeldung

Individuelle Führungen  
Führungen für bis zu 15 Personen zu Fuß oder mit dem Fahrrad, 3,50 € pro Person, mind. 35,00 €
Anmeldungen und Buchungen:
vermittlung@konsumverein.de |
0176 – 80142728

Performative Führung katrinem
14.9. |15 Uhr
15.9. |11 Uhr, 18 Uhr
29.9. |11 Uhr, 16 Uhr
30.9. |11 Uhr, 16 Uhr
1.10. |11 Uhr, 15 Uhr
7.10. |15 Uhr, 19 Uhr
8.10. |12 Uhr
Startpunkt: Allgemeiner Konsumverein, Hinter Liebfrauen 2.
Dauer ca. 1 Stunde. Maximale Teilnehmerzahl 10 Personen.
Für Gruppen ab 5 Personen können Sondertermine vereinbart werden.
Kosten: 5 € pro Person, min. 50 €.

Abendführung
immer Freitag, Samstag und Mittwoch um 19.00 Uhr, Ausgangspunkt ist der Kreuzfriedhof, Freisestraße 26a.
Ohne Anmeldung, Taschenlampen und gutes Schuhwerk sind notwendig, 4,50 Euro pro Person, Dauer circa 90 Minuten.

Anmeldungen und Buchungen:
vermittlung@konsumverein.de |
0176 – 80142728

Impulse, Workshops und Führungen für Schulklassen, 2,00 € pro Person
Anmeldungen und Buchungen:
vermittlung@konsumverein.de |
0176 – 80142728

s

Projekttelefon: 0176 80142728 | info@klangstaetten.de
Allgemeiner Konsumverein e. V. | Hinter Liebfrauen 2 | 38100 Braunschweig

Konsumverein

klangstaetten | stadtklaenge 2017 wird gefördert von:

Der Allgemeine Konsumverein e. V. erhält Kontinuitätsförderung von:

stadtklaenge 2017 wird gefördert von