klangstaetten | stadtklaenge: Konsumverein
Martini-Friedhof

Ab 1712 wurden die Angehörigen der Martini-Gemeinde nicht mehr direkt an der St. Martini-Kirche, sondern auf dem neuen Friedhof an der Goslarschen Straße zwischen Hohestieg und Kreuzstraße beigesetzt – zuletzt 1909.

Mit der Umgestaltung zur öffentlichen Grünanlage veränderte sich ab 1937 sein Aussehen. Durch Überbauung und Asphaltierung in den 1960er Jahren sowie spätere Verwilderung verlor die Anlage den Charakter eines Friedhofs. Nur vereinzelte Grabmale, aber kein erkennbarer Belegungsplan waren noch vorhanden, als 2009 grundlegend saniert wurde.

Dabei wurden die historischen Steine in eine Ordnung gebracht und erinnern jetzt u.a. an den Dichter Johann Anton von Leisewitz oder auch an Minna Henneberg, die Gründerin des Rudofstiftes. Die Wege wurden reduziert, der Park eingezäunt, das Eingangstor zur Goslarschen Straße renoviert. Heute erlebt man einen konzentrierten Ort mit altem Baumbestand und umgeben von Schulen, Spielplätzen, einer Kindertagesstätte, der Tafel e.V., einem Bolzplatz und einer Spielhalle. Städtische Umgebungsgeräusche mischen sich mit den Stimmen der Kinder und dem Rhythmus der Spiele. Während Einige mit gefüllten Einkaufstüten verweilen, wird ringsherum gelernt, sich auf das Leben vorbereitet, Prüfungen absolviert, Tore geschossen, Spiele gewonnen und verloren.

Seit 1996 arbeiten Jens-Uwe Dyffort und Roswitha von den Driesch gemeinsam in Berlin. Sie legen in ihren Klanginstallationen Verborgenes frei, was sich nicht unmittelbar auf ersten Blick erschließen lässt. Die Prägung eines Ortes, seine Umgebungsgeräusche, seine Geschichte und städtische Einbindung ist dabei der Ausgangspunkt. Sie entwickeln ein klangliches System, was sie visuell und hörbar in einen Ort einfügen. Sie entwerfen artifizielle Klangambiente, stecken akustisch Flächen und Wege ab. Ihre Installationen verstehen sie als eine Erweiterung des Raums, die eine neue Erfahrung erschließt.

Jens-Uwe Dyffort, geboren in Erfurt, ist Komponist und Software-Entwickler (Native Instruments). Er studierte Komposition bei Franz Martin Olbrisch und Prof. Walter Zimmermann an der Universität der Künste in Berlin Roswitha von den Driesch geboren in Saarburg, studierte Architektur in Mainz und Bildende Kunst an der Kunsthochschule Berlin Weißensee. Darüber hinaus nahm sie an Seminaren im Elektroakustischen Studio der Technischen Universität Berlin teil.

Für die Realisierung ihrer künstlerischen Werke erhielten sie zahlreiche Förderungen, unter anderem vom Goethe-Institut Boston (1998), von der Karl-Hofer-Gesellschaft (1999) von der Senatsverwaltung Berlin (1996/ 2001/ 04/08). 2012 hatten sie das Residenzstipendium der Villa Aurora (Los Angeles). 2006 wurden sie mit dem Deutschen Klangkunst-Preis und 2012 mit dem Experimentalfilmpreis Ruhr ausgezeichnet. Ihre Klanginstallationen waren beispielsweise in London, Rom, Marseille, Hong Kong, Metz und Berlin zu hören, 2015 bei den Wittener Tagen für neue Kammermusik, 2012 bei der Ausstellung Cage 100 in Darmstadt, 2009 bei den Donaueschinger Musiktagen - Festival zeitgenössischer Tonkunst, 2008 im Hessischen Rundfunk in Frankfurt am Main, im Germanischen Nationalmuseum, Nürnberg, während des Festival Tuned City -architecture and sound, Hamburger Bahnhof, Museum für Gegenwart, Berlin, 2001/02 in der singuhr-hoergalerie in parochial, Berlin und 1998 auf dem Windsor Lake, Massachussets Museum of Contemporary Art, North Adams, USA.

Ihre Video-Klang-Installationen waren 2004 im Zeiss Großplanetarium Berlin, 2007 während des International Science and Film Festival, Cinema Les Variétés, Marseille, 2008 auf der Transmediale, Berlin und 2009 im ZKM, Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe zu sehen. 2012/13 hatten sie eine große Einzelausstellung im Kunstverein Ludwigshafen. Musik und Radiostücke wurden vom WDR Studio Akustische Kunst und vom Hessischer Rundfunk hr2-kultur uraufgeführt.

www.dyffort-driesch.de

2017, Raum-Klanginstallation für den ehemaligen Friedhof der Martini Gemeinde, 21 elektroakustische Steuereinheiten (Klangerzeuger) an 21 Bäumen, 15 Holzpodeste , 21 tickende Uhrwerke, lautsprecherspezifische Klick-Geräusche.

Das Gelände des ehemaligen Friedhofes der Martini Gemeinde ist umgeben von städtischen Institutionen, Schulen, Spielplätzen, einer Kindertagesstätte, der Tafel e.V., einem Bolzplatz und einer Spielhalle. Neben den städtischen Umgebungsgeräuschen dringen tagsüber von allen Seitenaus die Stimmen und Rufe der Schüler und Kinder auf das Friedhofsgelände, dazwischen die Anweisungen der betreuenden Personen, auch rhythmische Geräusche der Spielplatzgeräte und das Aufschlagen der Bälle vom Bolzplatz. In bestimmten zeitlichen Abständen sind werktags die Pausenklingeln der Schulen zu hören, die Geräusche der heraus drängenden Schüler_innen, die nach der Pause wieder verstummen, wenn sie in ihren Klassenräumen verschwinden. Während Besucher_innen des Friedhofsgeländes (einige mit gefüllten Einkaufstüten von der Tafel e.V.) auf den Bänken verweilen, wird außerhalb gelernt, sich auf das Leben vorbereitet, Prüfungen absolviert, Tore geschossen, Spiele gewonnen und verloren.

Während von den Driesch | Dyffort dem städtischen Leben außerhalb des Friedhofs zuhörten, stellte sich bei ihnen ein Nachdenken über die eigene Lebensgestaltung ein mit der Frage nach der Relevanz von Zeitplänen, Pflichten und Erwartungen und deren Erfüllung. Die Klanginstallation Gewinn greift diesen Gedanken akustisch und visuell auf. Im Mittelpunkt steht dabei das Verhältnis zwischen dem eigenen Empfinden von Zeit und vorgegebenen Zeitstrukturen mit Messung und effektiver Nutzung.

Der Klang: An mehreren Bäumen innerhalb des Friedhofsgeländes sind ca. 30 akustische Uhren installieren. Sie sind nicht zu sehen, nur durch leises Ticken zu hören. Sie laufen zu Beginn im gleichen Tempo, driften aber über die Ausstellungszeit auseinander, so dass durch die Uberlagerung der feinen Tick-Geräusche und ihren Pausierungen nicht nachvollziehbare ungeordnete Rhythmen entstehen. Das leise »Ticken« mischt sich mit den Umgebungsgeräuschen, den Schritten der Besucher, den Geräuschen der Insekten und Vögel, den Stimmen der Kinder und Schüler_innen und dem fernen »Brummen« Stadt. Durch seine signifikante elektronische Erzeugung hebt es sich aber auch akustisch ab, wirkt wie ein Echolot in die unmittelbare Umgebung und regt diese zum Widerhall an.

Es klingt in Abhängigkeit von der Akustik des Ortes und den akustischen Ereignissen die stattfinden immer unterschiedlich. Beispielsweise reflektieren auf den Wegen die akustischen Impulse deutlicher, auf der Wiese eher zart und leise. Bei starkem Wind und Regen mischt sich das »Ticken« mit dem Rauschen der Blätter und den Geräuschen der Wassertropfen und ist dann nur sehr leise zu hören. Die Sitzobjekte: Inmitten der Wiese, umgeben von den Tick- und Stadtgeräuschen sind 15 Sitzobjekte positioniert. Neben den schon vorhandenen Bänken am Rand des Friedhofes bilden diese weitere Sitzgelegenheiten in der Mitte des Geländes. Sie entsprechen in ihren Maßen einem typischen Siegerpodest: erster, zweiter und dritter Platz. Nebeneinander lässt sich die Rangordnung an den Höhen erkennen, hier in der Installation nicht mehr unmittelbar. Von Weitem wirken die abgestellten Podeste eher wie verstreute Spielsteine. Nur die signifikanten Maße und die schemenhaft erkennbaren Zahlen 1, 2, 3 lassen an gewonnene und verlorene Wettbewerbe denken.

Klang | Kunst | Schule

Termine

Führungen

Für klangstaetten | stadtklaenge 2017 erweitert sich seit einem Jahr kontinuierlich das schon erprobte und vielfältige Vermittlungsangebot des Allgemeinen Konsumvereins an alle Interessierte, an Schulklassen, Lehrkräfte und Vermittler_innen durch Angebote von Workshops, Schulungen, Vorträge und speziellen Führungen.

Klang | Kunst | Schule erfährt eine besondere Intensität:
„Es gibt immer etwas zu hören!“ - „Ich liebe es, wenn es raschelt!“ Wenn junge Lernende ihr Gehör bewusst nutzen und sich intensiv mit Klang beschäftigen, eröffnet sich ihnen eine neue Welt. Sie werden zu aktiven Zuhörern, Sammlerinnen, Archivaren und Erfinderinnen. Klang und Geräusche befähigen sie zum Perspektivwechsel vom Weg- und Überhören zum bewussten Hin-Hören, zum Anders-Hören-Lernen. Dieses Neu-Hören erbringt ein neues Gefühl von sich in der Welt, von sich genau an diesem Ort:
Den Klassenraum als Klangraum begreifen, den Klang der Schritte der Anderen kennen, die eigenen Geräusche merken, die Orte durch ihre Geräusche bestimmen, Atmosphären wahrnehmen und Hörerfahrungen als angenehm, betörend oder Nerv-tötend beschreiben, Materialien auf ihre Klangqualität prüfen – kurz: zu beginnen, mit den Ohren zu denken.

Die Kooperation mit der Realschule Sidonienstraße

An der Grundschule St. Joseph:

Klang Kunst Führungen für Schulklassen

Workshop mit Kurator_in und Klangkünstler_innen: 24.09.2017 |
15.00 Uhr
kostenfrei | Anmeldung erforderlich | 0176 – 80142728

Kunst-Schreiben – Workshop mit Jaqueline Krone: 27.09.2017 | 17.00 Uhr
kostenfrei | Anmeldung erforderlich
unter vermittlung@konsumverein.de oder telefonisch unter: 0176 – 80142728

Blitzausstellung klang | kunst | schule: 28.09.2017 | 16.00 Uhr
Klangobjekte, Prozesse, gesammelte Klänge aus dem Schulprojekt Realschule Sidonienstraße
Finissage  am 08.10.2017 | 11.30 Uhr auf dem Kreuz-Friedhof, Freisestraße mit dem Countertenor Daniel Gloger.
Wie kaum ein anderer inspiriert Daniel Gloger Komponist_innen und Bildende Künstler_innen zur Auseinandersetzung mit der Stimme.

Öffentliche Sonntagsführung 
10.09. | 17.09. | 24.09. | 01.10. | 08.10.2017
jeweils um 11.00 Uhr ab Allgemeiner Konsumverein circa 2 Stunden | kostenfrei | ohne Anmeldung

Individuelle Führungen  
Führungen für bis zu 15 Personen zu Fuß oder mit dem Fahrrad, 3,50 € pro Person, mind. 35,00 €
Anmeldungen und Buchungen:
vermittlung@konsumverein.de |
0176 – 80142728

Performative Führung katrinem
14.9. |15 Uhr
15.9. |11 Uhr, 18 Uhr
29.9. |11 Uhr, 16 Uhr
30.9. |11 Uhr, 16 Uhr
1.10. |11 Uhr, 15 Uhr
7.10. |15 Uhr, 19 Uhr
8.10. |12 Uhr
Startpunkt: Allgemeiner Konsumverein, Hinter Liebfrauen 2.
Dauer ca. 1 Stunde. Maximale Teilnehmerzahl 10 Personen.
Für Gruppen ab 5 Personen können Sondertermine vereinbart werden.
Kosten: 5 € pro Person, min. 50 €.

Abendführung
immer Freitag, Samstag und Mittwoch um 19.00 Uhr, Ausgangspunkt ist der Kreuzfriedhof, Freisestraße 26a.
Ohne Anmeldung, Taschenlampen und gutes Schuhwerk sind notwendig, 4,50 Euro pro Person, Dauer circa 90 Minuten.

Anmeldungen und Buchungen:
vermittlung@konsumverein.de |
0176 – 80142728

Impulse, Workshops und Führungen für Schulklassen, 2,00 € pro Person
Anmeldungen und Buchungen:
vermittlung@konsumverein.de |
0176 – 80142728

s

Projekttelefon: 0176 80142728 | info@klangstaetten.de
Allgemeiner Konsumverein e. V. | Hinter Liebfrauen 2 | 38100 Braunschweig

Konsumverein

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